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Eine Runde über den lebhaften kleinen Markt von Blaye im Schatten der hohen Festungswälle ermöglicht mir einen Blick auf das Objekt, auf das die Einwohner von Blaye so stolz sind: die Vauban-Zitadelle, deren weiße Mauern die kleine Stadt ebenso dominieren, wie sie sie schützen. Von ihrem Felsen aus wirkt die Festung beeindruckend und scheint jede Menge Geheimnisse zu bergen. Von Hitze und Neugier getrieben, melde ich mich für die Führung durch die unterirdischen Gänge der Zitadelle an, in der Hoffnung, einen Einblick in die Geheimnisse dieses imposanten Bauwerks zu erhalten.

Treffpunkt für die Besichtigung ist das Fremdenverkehrsamt im Zentrum der Zitadelle. Ich stelle mein Auto auf dem kostenlosen Parkplatz unterhalb der Mauern ab und habe noch ein wenig Zeit, um durch die sonnigen Gassen zu bummeln, in denen sich Künstlerateliers und Cafés aneinanderreihen und hier und da hinter efeuberankten Mauern und Blumengärtchen ein paar Privathäuser zum Vorschein kommen. Das Wetter ist schön und vor dem Fremdenverkehrsamt haben sich rund zwanzig Personen eingefunden. Bevor die Tour beginnt, sammelt unsere Führerin Clara die Tickets aller Teilnehmer ein.

Vom Ursprung der Mündung zu demjenigen der Zitadelle

Unseren ersten Stopp legen wir rund dreißig Meter weiter auf dem Exerzierplatz der Festung ein, von dem aus wir auf das schlickhaltige Wasser der Gironde blicken. Hier erklärt Clara uns die Geschichte der Mündung, der größten und naturbelassensten Trichtermündung Europas. Warum hat das Wasser diese Farbe? Wie bilden sich die Inseln, die sich von Jahr zu Jahr zu verändern scheinen? Inwiefern hat diese Stelle eine strategische Bedeutung? Sie beantwortet jede Menge Fragen und kommt schließlich auf die Arbeit Vaubans zu sprechen, des Militäringenieurs und Architekten, dem wir den Bau bzw. die Umgestaltung von 160 Zitadellen in Frankreich zu verdanken haben. Wir erfahren, dass die Zitadelle von Blaye beispielhaft ist, was ihre Erhaltung betrifft, und die Techniken und das Anpassungsvermögen ihres Erbauers auf vorbildliche Weise veranschaulicht.

Gegenüber von uns zeugen das Fort Paté auf der gleichnamigen Insel und das Fort Médoc am anderen Ufer der Mündung von der militärischen Genialität Vaubans. Dank dieser drei Festungsanlagen versperrt sein Verrou Vauban (Vauban-Riegel) genanntes Werk die Durchfahrt in Richtung Bordeaux.

Eine Reise in die Vergangenheit

Die Besichtigung der Festungsanlagen geht weiter und wechselt ab zwischen der Erkundung der Festungsmauern, die gleichzeitig einen herrlichen Blick auf die Umgebung bieten, und dem „Abtauchen“ in das Innere der Zitadelle, wo die Überreste vorheriger Burgen geschickt in die militärische Strategie von Vauban integriert wurden. So wurde beispielsweise eine Zugangsbrücke zur Burg in eine Bastionsmauer verwandelt oder eine Kasematte, eine ehemalige beschusssichere Festung, in einen Tunnel. Auf majestätische Mauern und die brennende Sonne folgen historische Anekdoten in kühlen unterirdischen Gängen – zur Freude der Gruppe, die eine Abkühlung neben einer Schießscharte oder einem Lüftungsschlitz zu schätzen weiß, bevor es zurückgeht in die breiten Verteidigungsgräben, die Bastionen und Demi-Lunen.

visite guidée des souterrains de la Citadelle

Die Zitadelle von gestern bis heute

Unsere Besichtigung hat uns in, auf, unter und um die Bastion herum geführt. Einen unserer letzten Stopps legen wir auf einem großen Schießplatz ein, der im 17. Jahrhundert für die Garnisonen, im 20. Jahrhundert von den in der Zitadelle stationierten Polizisten und heute vom Schießclub von Blaye genutzt wird.

Ein letzter Gang führt uns in den „moineau“, den ältesten Raum der Zitadelle, der 1510 im Verteidigungsgraben der Burg angelegt und später durch die Erdarbeiten Vaubans vergraben wurde. Mit verschlossenen Schießscharten und Luftlöchern diente er den Soldaten Ludwigs XIV. als Durchgang – ebenso wie uns heute.

Ein kleines Gitter, ein abschüssiger Weg und schon sind wir zurück im baumbewachsenen Park der Festung und haben das Ende unserer Besichtigung erreicht.

visite guidée des souterrains de la Citadelle
Bastion de la Citadelle de Blaye

Clara erklärt uns, dass der Vauban-Riegel zu den zwölf Bauwerken des Vauban-Netzwerkes zählt, die – insbesondere aufgrund ihres gut erhaltenen Zustands und ihrer außergewöhnlichen Lage – als Weltkulturerbe der UNESCO gelistet sind.

Die Gruppe trennt sich: Die einen begeben sich zu den von der Führerin empfohlenen strategischen Aussichtspunkten, die anderen lassen sich von den schattigen Picknicktischen und -bänken locken, um die Ruhe der Zitadelle und den Panoramablick auf die Gironde zu genießen. Ich nutze die Gelegenheit, um die Anlage noch einmal zu umrunden und einen frischen Blick auf das Relief des Geländes und die Überreste aus Stein zu werfen.

Ich blicke auf die Mauern und stelle mir die verschiedenen Epochen vor, die die Festung geprägt haben, das Leben der Garnisonen und der hier wohnenden Menschen.
Nach dem Ende der Besichtigung hat man den Eindruck, von einer Zeitreise zurückzukehren. Verstärkt wird dieser Effekt dadurch, dass man zwischen dem Außenbereich der Zitadelle und den unterirdischen Gängen hin- und herwechselt und sein Gefühl für Zeit und Raum komplett verliert.

Die Größe des Parks verleiht dem Ort eine ruhige Atmosphäre, sodass ich entspannt und wie verzaubert in die lebhaften Gassen mit ihren Caféterrassen zurückkehre, wo der Duft frischer Crêpes mich daran erinnert, dass seit Beginn der Besichtigung eine ganze Stunde vergangen und es Zeit für einen kleinen Imbiss ist.

Praktischer Informationen

Weitere Sehenswürdigkeiten innerhalb der Zitadelle:

  • Archäologiemuseum von Blaye. Preise: 4 € pro Erwachsenen (3,50 € pro Person in einer Gruppe), 3 € pro Kind
  • Kombi-Tarif für das Archäologiemuseum und das Mündungskonservatorium „Conservatoire de l’Estuaire“: 6 € pro Erwachsenen, 3,70 € pro Kind, 5 € pro Person in einer Gruppe

Auskünfte beim Fremdenverkehrsamt von Blaye unter +33 (0)5 57 42 12 09 oder direkt beim Museum unter +33 (0)6 82 34 72 66.